Weltrekord im VfB-Stadion - fast

Der 6. September 1958 hätte in die Annalen der Sportgeschichte eingehen können. Ein Tag, an dem im Friedrichshafener Zeppelinstadion ein Abendsportfest mit Top-Athleten stattfand, dass die VfB-Leichtathletikabteilung organisiert hatte, um mit einem richtigen "Event" die im Jahr zuvor fertiggestellte neue Aschenbahn einzuweihen. Nur dass es dieses Wort damals noch gar nicht gab.

Fast ein Rekord

Dass mit Armin Hary der frisch gebackene Sprint-Europameister an den Bodensee kam, war einer nicht minder erfolgreichen Sportlerin aus den Reihen des VfB zu verdanken. Jane Voss, damals Mitglied der Nationalmannschaft, war mit dem 21-Jährigen befreundet. Als der VfB die 700 Mark Startgeld zusammen gekratzt hat, sagte Hary zu. Es sollte ein denkwürdiger Tag für ihn und den VfB Friedrichshafen werden, aber auch für die vielen Zuschauer, die zu diesem Sportfest ins Zeppelinstadion geströmt waren.

Nach einem Fehlstart kommt Armin Hary beim zweiten Anlauf richtig in die Gänge, ist mit seinen gelaufenen 10,3 Sekunden aber nicht zufrieden. Er will nochmal, und etwa eine Stunde später stehen die Sprinter wieder an der Startlinie. Gleich der erste Start glückt, und Armin Hary "fraß sich förmlich in die rote Aschenbahn", wie der Sportberichterstatter Armin Strobel damals beobachtete und schrieb. "Die Spannung unter den Athleten, Schiedsrichtern und den 1500 Zuschauern kannte danach keine Grenzen. Sie entlud sich in einem minutenlangen Jubel, als der Sprecher nach dem Vorbescheid der Zeitnehmer an die Aktiven die nackte Wahrheit enthüllte und bekannt gab, dass Armin Hary als erster Mensch die 100 Meter in genau 10,0 Sekunden durcheilt hatte." Die Sensationsnachricht ging bereits um die Welt, als die Euphorie über die "Fabelzeit" des jungen Deutschen einen Dämpfer erhielt. Ein "vorläufiges Überprüfungsergebnis" der Bahn ergab ein Gefälle von 11 Zentimetern auf 100,2 Meter. Später maßen Beamte des Vermessungsamtes Friedrichshafen im Auftrag des Deutschen Leichtathletikverbandes die 100-Meter-Gerade und kamen zum selben Ergebnis: Die Bahn Nr. 4, auf der Hary am Vorabend diese sensationelle Zeit gelaufen war, überschritt das zulässige Höchstmaß um einen Zentimeter. Der Rekord durfte keiner mehr sein.

Armin Hary selbst trug die Nachricht mit Fassung, wurde übermittelt. Dass er ein Weltklasse-Sprinter war, zeigte er zwei Jahre später, als er im Züricher Letzigrund zum zweiten Mal in 10,0 Sekunden über 100 Meter sprintete - diesmal regelgerecht - und damit den Weltrekord knackte. Ein Rekord, der acht Jahre Bestand haben sollte. Im selben Jahr - 1960 - wurde Hary in Rom Olympiasieger in seiner Paradedisziplin.


Weiter zur Leichtathletik